Don Dahlmann: Der Non-Don des deutschen Netzes

Dass Don Ordnung in seiner Wohnung geschaffen hat, weiß ich bereits, bevor ich seine Wohnung betrete – seinem Blog Irgendwas ist ja immer sei dank. Tagsüber ging es ihm nicht gut, er hat das Vitello Tonnato vom Vorabend im Verdacht. Karla und Momo, umkreisen mich im Flur – herzlich willkommen im Katzen-Klischee. Wir plaudern zum Warmwerden am Esstisch im Wohnzimmer über sein Leben in Berlin, seit 2001. Zunächst im Wedding („das explodiert ja gerade da“), seit 2004 auf dem Prenzlauer Berg.

 

Die Fotoausrüstung auf dem Tisch wirkt ein wenig drapiert, was ich zunächst als demonstratives Ergebnis des Aufräumens einstufe. Grund der ist jedoch der anstehende Urlaub, vorfreut sich Don. Fein säuberlich aufgereiht liegen dort die Olympus samt Objektiven, Blitz und Akku. Nicht zu vergessen der Bildband „Geschichte der Aktfotografie.“ „Der war runter gesetzt.“ Wir lächeln. Und kommen überein, dass dies nicht der ausschlaggebende Grund des Kaufes war. Oberhalb des Tisches hängt Dons Lieblingsfotografie – eine besondere Perspektive aus dem Berliner Olympia-Stadion.

 

Don in a nutshell: 45, gebürtig aus Bonn, Journalismus lernt er im Radio-Volontariat in Köln, anschließend in Hamburg Marketing und Promotion in der Musikindustrie. Burnout mit Anfang 30, weg sind plötzlich Job und Wohnung. Reset im Netz, hier verdient er seit 1999 sein Geld als Netzjournalist, Seminarleiter, Moderator und freiberuflicher Kommunikations-Berater in Sachen Online generell und Social Media im speziellen. Blogger der ersten Stunde. Bei unserem Gespräch erzählt er mit Stolz, aber ohne Allüre, aktuell in der Jury des Grimme Online Award zu wirken. Schon ein kleiner Ritterschlag.

 

Journalistisch arbeitet Don derzeit vor allem für das Racingblog, die von ihm vor fünf Jahren ins Leben gerufene Plattform für schnellen Motorsport. Sein Hobby zieht in Hochzeiten bis zu 20.000 Besucher am Tag auf die Seite. Ich werfe ein, dass Formel 1 für mich das beste Schlafmittel der Welt ist – ich schaffe keine fünf Minuten. Don lacht. „Das passiert selbst eingefleischten Fans. Die wachen dann kurz vor dem Finish wieder auf.“ Zwei Jahre lang führt Don das Blog allein, bevor aus den Reihen der Nutzer Unterstützer hinzu stoßen. „Jetzt kann ich auch mal drei Wochen in Urlaub fahren.“ Das Pensum, neben dem Job alle 14 Tage sonntags von 11 bis 21 Uhr an ein Blog gebunden zu sein, nötigt mir großen Respekt ab.

 

Don nennt sich selbst einen Phlegmatiker. Für mich ein Gummi-Begriff, den ich schwer auf ihn anwenden kann, bei dem Arbeitspensum, das er vorlegt. „Vor allem Rechnungskrempel finde ich wahnsinnig belastend.“ Sind wir dann nicht alle phlegmatisch? Wir streifen das Thema immer wieder. Schließlich sagt Don: „Vielleicht bin ich ja nur punktuell phlegmatisch. Oder es ist eine schöne Selbstlüge.“

 

Ich scanne das Bücherregal – neben vielen Bildbänden finden sich hinter einer Maneki Neko Berge von Motorsport-Literatur und Kochbücher. Mich beeindruckt hier vor allem der Silberlöffel, der schon einen gewissen Fortgeschrittenen-Status verrät. „Am liebsten koche ich Schmorgerichte. Die setze ich morgens auf uns rühre im Vorbeigehen immer mal herum.“ Diese Vorliebe führt bei mir zu dem eindeutigen Schluss, es mit einem geduldigen Mann zu tun zu haben. „Generell schon, aber bei bestimmten Dingen auch nicht.“ Zum Beispiel? „Mich nervt es, zu wenig Zeit zu haben und auf den letzten Drücker zu sein. Und ich musste bei meinen Schulungen lernen, den Leuten Zeit zu lassen.“

 

Ich erstarre: Karla springt auf den Tisch und beschnuppert mein iPhone. Dass ein paar Kilo Fell aus dem Nichts neben mir auf dem Tisch landen und darauf spazieren gehen, bin ich nicht gewohnt. Don entkorkt einen Rotwein. Wir sprechen über Foursquare und seine Check-ins in „Dons Herrenhaus“. Aus Privacy-Perspektive für ihn überhaupt kein Problem. Ihn beschäftigt vielmehr, dass nicht jede, nicht jeder seine Ironie kapiert. „Das muss ja auch rüber kommen.“

 

Wir sprechen über die jeweils wechselnden heißen Themen im Netz. „Es wird zu schnell, zu viel und zu laut geschrien im Netz. Vor allem bei Twitter geht es schnell an die Grenze dessen, was ok ist.“ Er blickt zurück: „Ich habe auch ein paar Leute verletzt. Und über die Jahre ein paar Regeln entwickelt. Ich poste selten über die Familie oder Freunde. Und nichts über Kunden.“

 

Wir streifen das Thema Gauck, das ihn in letzter Zeit im Netz genervt hat. „Leider gibt es zu viele…“, Don stockt. Er setzt neu an. Lassen wir dem nun folgenden Monolog freien Lauf, das Tonbandgerät und die anschließende Freigabe machen’s möglich: „Es gibt eine Entwicklung im Netz, die man in den USA schon ganz gut sehen kann. Es gibt einen sehr starken Rechtspopulismus und einen starken Liberal- oder Linkspopulismus. Und dieser Links- wie Rechtspopulismus, der sich an den Ecken auftut, wird größer. Es gibt in Deutschland noch keinen einflussreichen Rechtspopulisten, mal abgesehen von Christoph Keese (@ChristophKeese) von Springer. Es gibt keinen wirklich guten Vordenker im Bereich des Konservativen. Das gibt es im Linken schon. Da gibt es Sascha Lobo, @mspro, Gunter Dueck, Peter Glaser et cetera. Das bildet sich aber langsam raus. Ich weiß, dass die Parteien im Moment darunter sehr leiden. Einfach, weil sie das Umdenken noch nicht begriffen haben. Politics without Parties, die immer mehr zum Vorschein kommt, wovon die Piraten ja auch leben, ist etwas, womit Parteien, die programmatisch aufgestellt sind, gar nicht klarkommen.

 

Es gibt nicht so dieses ‚Der ist gar kein Mitglied, wieso will der bei uns in der Politik mitreden. Und der Gedanke ‚Der wählt Dich vielleicht´- das funktioniert plötzlich auf einer anderen Ebene. Das gibt’s im Linken, dort sehr stark ausgeprägt, auch mit der Einflussnahme, aber im Rechten nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich derzeit Think Tanks schon Gedanken darüber machen, wen man als Person aufbauen kann, der einigermaßen den Dünkel des Unabhängigen hat. Also nicht von Springer, Bertelsmann oder Gruner und Jahr kommend, sondern im unverdächtigen Bereich angesiedelt ist und dementsprechend eine gute Vernetzung und Meinungsmacht hat. Diese Auseinandersetzung, die es in den USA gibt, die wir im Talkradio sehen, das wird es hier auch geben. Das wär auch mal ganz gut.

 

Man sitzt immer so ein bisschen in seinem eigenen Süppchen. Du kannst da auch nicht ausbrechen. Wenn mal einer ausbricht und sagt, ‚vielleicht haben die anderen ja bei diesem oder jenen Punkt doch recht’, dann heißt es sofort Judas, Verräter und so weiter – ganz schlimm. Bei Gauck hat es mich insofern genervt, dass vor zwei Jahren alle ‚Gauck, Gauck Gauck’ gerufen haben – zurecht – und jetzt ist er da und Ihr gebt Ihr ihm nicht mal 100 Tage Zeit. Dass er vor drei oder fünf Jahren mal Sachen gesagt hat, die dumm waren, und sein Satz, dass das Internet die Demokratie aus höhlt, das sind alles streitbare Sätze und Sätze, über die man diskutieren kann. Ich neige eher dazu, jemanden, der dummes Zeug im Internet sagt, ob das jetzt Gauck ist oder der Ansgar Heveling im Handelsblatt, zu hinterfragen. Das war grober Unfug, Satire in sich, da kann man sich drüber lustig machen und einen Tag lustige Twittersprüche machen, das ist in Ordnung. Der nächste Schritt wäre eigentlich, sich zu fragen, warum denkt der so verschieden von dem, was ich denke und was kann ich tun, um das zu verstehen. Was kann ich tun, damit er  versteht, was ich denke. Wir sitzen alle den ganzen Tag in Berlin. Wir laden den mal ein, machen ´ne Diskussionsrunde, da setzen wir einen Heveling rein und einen, der ihm zur Seite springen kann, und dazu @mspro, Beckedahl, die alle gut reden können, dann machen wir eine lustige Diskussionsrunde, das stellen wir alles schön ins Netz, dann kann sich jeder sein Bild machen. Dann hat man ihm ´ne Chance gegeben und wenn er dann immer noch dummer Zeug redet – Pech gehabt.“ Ende des Monologs.

 

Wir plaudern weiter über Politikeraktivitäten im Netz – angeblich haben bereits ein Drittel der Abgebordneten einen Twitteraccount. Und auch hier offenbart sich Don als lagerunabhängiger Zuhörer und Denker: „Da hat Peter Altmaier plötzlich ganz interessante Sachen gesagt. Am Anfang habe ich gedacht, das hat ihm jetzt sein Praktikant ins Ohr geflüstert. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass sich bei Peter Altmaier was ändert.“ Realitätskontakt. „Du merkst, dass es etwas bringt, wenn die Leute das selbst machen. Weil es diesen klassischen direkten Feedbackkanal gibt. Das merke ich auch bei den Firmen, die plötzlich lesen, was ihre Kunden wirklich denken.“ Don führt aus, wie häufig er beobachtet, dass die Verantwortlichen in der freien Wirtschaft den Bezug zur Realität verlieren, da die Managementebenen die echte Kundenmeinung filtern.  „Ich weiß von einigen Firmen, die waren richtig erschrocken. Das gleiche gilt für die Politik. Da lernt die Demokratie gerade, dass es andere Varianten der Wahrnehmung gibt.“

 

Und als letzter politischer Schwenk: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Leistungsschutzrecht durch kommt. Du kriegst heute nichts mehr im Netz durch ohne das Netz, ohne die Leute, die darin aktiv sind. Das Netz übernimmt mäandermäßig andere Bereiche der Gesellschaft. Jetzt geht’s weiter in Schulen und nimmt dort Fahrt auf. Kommt immer breiter in der Gesellschaft an. Schwierig wird es nur, wenn Du keinen großen Multiplikator hast, dann wird es keiner sehen. Wenn Du die Multiplikatoren hast, die Twitter und die Blogs beherrschen, greifen es die Medien dann auf. Deshalb ist Facebook ein schlechter Kampagnenkanal.“

 

Gerne würde ich Karla die Katze fotografieren, doch sobald mein Objektiv oben ist, streckt sie mir ihr Hinterteil entgegen – Katze halt. Wir sprechen über Freunde im Netz. „Die, die ich im Netz gut kenne, waren auch früh da. Seit 1995 bin ich durchgehend online. 1999 habe ich mein erstes Geld im Netz verdient. Ich fand das Internet eine mir zugeneigte Technologie. Das Internet hat etwas sehr Bequemes, das meinem Phlegma entgegen kommt.“ Erinnerungen steigen hoch. „1999 war es richtig Arbeit, die Suche, und vor allem war es Arbeit, die Leute zu finden, mit denen man klarkam.“ Don erinnert sich an das Höfliche Paparazzi-Forum, an die Begegnung mit Christian Ankowitsch und Tex Rubinowitz. „Daraus sind Verbindungen entstanden, die bis heute halten. Das sind Freundschaften, die ein bisschen erdacht sind, so ein bisschen wie Mein Freund Harvey, weil man sich ja nur liest. Gleichzeitig funktionieren sie ja, man bekommt ja mit, wenn es dem anderen nicht so gut geht. Man fühlt sich schon sehr verbunden, wenn man sich seit zehn Jahren täglich liest. Ich habe es immer als Quatsch empfunden, dass man im Internet sozial verarmt. Das Gegenteil ist der Fall: Du triffst wahnsinnig viele Leute.“ Don schwärmt von seinem letzten Geburtstag, zu dem er auf Facebook geladen hat – 80 Freunde feierten mit ihm, auch bei Twitter war dies gut zu verfolgen.

 

Woher kommt eigentlich der Name Don? „Reiner Zufall. Das war in den 90ern“, als er seine Ex-Freundin in einer Agentur besuchte, von deren Kolleginnen umringt war und sie meinte: „Ja klar, wie der Don. Und dann suchte ich ein Pseudonym fürs Netz, weil es bei den Verlagen nicht so gern gesehen war, wenn man fürs Internet schrieb.“ An der Klingel steht J., und dabei wollen wir es bewenden lassen. Nur noch die Eltern und der älteste Freund sprechen ihn mit seinem Geburtsnamen an. Problem: Dritte buchen ihm Flüge auf den Namen Don Dahlmann. In Italien wäre er wegen des fehlenden Künstlernamens neulich fast gestrandet, nur weitere Don-Tickets in der Tasche konnten ihn retten. Erklärtes Ziel: Den Don eintragen lassen. Bald.

 

Katze Karla schaut mal wieder vorbei und schnuppert am Mikrotäschchen. Als ich das Katzen-Klischee anspreche, setzt Don noch eins drauf: „Ich habe mich neulich auch ertappt, wie ich im Saab Cabriolet vorm LPG im Prenzlauer Berg stand.“ Don Dahlmann hat so wenig von einem Don, dass er als Don schon wieder hervorsticht. Ein Non-Don. Er ist ein facettenreicher Mann mit selbsternanntem Hang zum Phlegma. Einer, der sich nicht aufplustert, sondern drei Mal nachdenkt, bevor er mal wieder das Netz vollschreibt.

Don will mehr lesen über:

@wirresnet

@bosch

@ankegroener

Gespräch: 7. März 2012

alle Fotos: Kathrin Koehler

 

Portraitzentrale, was bisher geschah:

ROMY MLINZK / @snoopsmaus

PAUL FRITZE / @paulfritze

HEIKO HEBIG / @heiko

JAN-UWE FITZ / @vergraemer

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