Heiko Hebig: „Die Dinge passieren einfach“

„Wir müssen WIRKLICH los“, drängelt Heiko an diesem Samstagvormittag in seiner neuen Wohnung in Hamburg. Ich rupfe schnell mein Mikro aus dem iPhone, und bevor ich noch ein paar Impressionen aus den neuen Räumen oder die gemütlich illuminierten Ikea-Kerzen fotografieren kann, sind sie schon ausgepustet. Wir lachen darüber, und freundlicherweise wird @heiko sie natürlich irgendwann noch posten. Jetzt muss er los zum Zug. Nach Berlin, für einen Termin am Nachmittag. Abends geht’s wieder zurück. Willkommen in der Welt von Heiko Hebig.

The net is you

Ein Tweet von Heiko hat mich in der Planungsphase meines Portrait-Projektes ins Mark getroffen: „The net is you“, schrieb er. Das passt, wenn man mit einem Blog-Projekt einzelne Persönlichkeiten portraitieren will. Von den vier ersten Personen, die ich für Portraitzentrale treffe, kenne ich Heiko wohl am längsten. Persönlich kennen wir uns aus dem Hause Burda, er in München im iLab, ich in der Berliner Verlagsgruppe. Noch länger kenne ich ihn über Twitter, sein Avatar ist einfach herrlich sympathisch. „Der kommt aus einem Spielzeugladen in Hongkong, dort war er auf der Rückseite eines Spielzeugs abgebildet, noch in einem größeren Ausschnitt mit Händen und der Bemerkung: ‚Pull it apart fast and it brakes’.“

Backstein-Domizil im Hinterhof

Heiko wohnt in der Nähe des Hamburger Gänsemarktes. „Ich checke zu Hause nicht über Foursquare ein. Man sollte es potenziellen Cyber-Stalkern auch nicht zu leicht machen“, sagt er und schmunzelt darüber, dass das Herausfinden der Privatadresse in Netzzeiten ja wirklich keine Kunst ist. Die erste Klingel zum Hinterhof funktioniert (noch) nicht, Heiko hadert mit diesem technischen Mangel seiner neuen, sehr schicken Wohnung. Küche und Wohnraum gehen ineinander über und rund um die Küchenzeile ist offenes Mauerwerk zu sehen. Sehr gemütlich. Ansonsten stehen da bereits ein schöner Esstisch und ein TV-Internet-Konvergenz-Gerät mit, sagen wir, sehr ordentlichen Ausmaßen. Hier flimmert also Bauer sucht Frau, hier gibt’s #redwine während der #laundry.

Mit dem C116 ging’s los

Wir plaudern uns erst einmal warm mit Heikos persönlichem Start ins Computer-Leben. Da war ein C116, den es zu Weihnachten gab. „Eine Idee meines Patenonkels. Ich weiß noch, dass ich überhaupt nicht damit gerechnet habe. Das war nicht mein größter Wunsch. Dann habe ich mir Computer-Zeitschriften gekauft und diese ganzen Listings abgetippt, endlose Seiten lang, und dann am Ende funktionierte das Programm nicht, weil wahrscheinlich irgendwo ein Tippfehler war“, erinnert sich Heiko grinsend, jetzt dem Ausdrucks seines Avatars sehr ähnlich.

Der Hobbyist

Heiko fühlt sich der ersten Generation von Menschen zugehörig, die „so etwas wie einen Heimcomputer hatten“, sagt er. „und darauf herum spielen konnten. Damals lagen viele Elemente noch viel transparenter auf den Rechnern“, erinnert sich der 38jährige, „man konnte sich angucken, was hinter den Kulissen der Programme passierte.“ Doch Informatik studieren oder Vollblut sein will er nicht. Heiko ordnet sich selbst als „Hobbyist“ ein.

Als das Internet passierte

Bei Heiko passieren Dinge. Sie passieren allen oder sie passieren ihm selbst. Das merke ich erst bei der Auswertung unseres schnellen Gespräches, denn Heiko denkt und spricht rasant. Da bin ich als Internet-Reingeschmeckte schon stolz, überhaupt folgen zu können. Aber zurück zu Heiko: „Als das Internet passierte, habe ich anfangs Webseiten entwickelt, letztendlich war das mein Einstieg“, resümiert er seine Laufbahn, die ihn von der Agentur Icon Medialab, zu Sixt Apart, zu Burda und final zum Spiegel geführt hat. Doch die beruflichen Stationen stehen hier nicht im Vordergrund, daher schieße ich uns mit der nächsten Frage ins Hier und Jetzt.

Heiko, der Haptiker

„Und jetzt quatscht Du mit Siri, oder wie?“ „Wenn ich mal ganz einsam bin, vielleicht auch mal mit Siri, aber zur Zeit finde ich es noch immer komisch, in ein Handy zu reden. Das fühlt sich für mich noch nicht natürlich an.“ Ich weise auf die Zukunftsvisionen hin, die damit gerade eintreten, doch das beeindruckt Heiko nicht wirklich. „Ein sprachgesteuertes Interface ist toll für Blinde, das ist ein großer Schritt nach vorn. Und Kinder, die jetzt mit Siri aufwachsen, die werden wahrscheinlich sagen: ,Papa, warum redest Du denn nicht mit dem Computer?’ Ich finde es natürlicher, einen Screen zu bedienen.“ Das wird sehr deutlich: iPhone und iPad steuern Musik- und TV-Anlage gleichberechtigt zu den Fernbedienungen: „Ich nehme immer das, was am nächsten liegt.“

Die kleine Nichte

Ich starte einen kleinen Exkurs und spreche Heiko auf ein Foto an, das ich auf seinem Schreibtisch im Spiegel-Verlag gesehen habe: Heiko mit einem Kleinkind, beide verzückt lächelnd. „Das ist Kaja, die Tochter meiner Schwester.“ Ich leite weiter, dass ich ja so gar nichts über seine persönlichen Verhältnisse weiß und ich in seinem Büro kurz gedacht habe, dass mir da etwa etwas entgangen sei? „Meine Familienverhältnisse sind das, was sich hier in diesem Raum abzeichnet: Die große Leere. Also ausgenommen natürlich Eltern und Schwester und so…“ Heiko erzählt das eher analytisch und grinst dazu. Das mit der Leere kann ich so nicht stehen lassen.

Kerzen als Notwendigkeit – und für die Atmo

Immerhin brennen auf Heikos Küchentresen acht Ikea-Kerzen. Ich lobe die gemütliche Atmosphäre bei düsterem Hamburger Wetter, doch da kommt ganz der sachliche Mann durch: „Das ist dem Umstand geschuldet, dass wenig Lampen in der Wohnung hängen. Das ist auch Atmo, aber Ikea-Kerzen kann man schneller auswählen.“ Ich stichele noch ein bisschen, dass Heiko mir die Entdeckung seiner romantischen Seite verwehrt. Hätte ja sein können…

Parallelwelt gibt es nicht

Ich wechsle das Thema und frage, ob er sich Gedanken macht über die Menschen hinter den Tweeps, die ihm täglich begegnen. Da holt er weit aus: „Ich hab die ersten Menschen im Internet initial über Internet Relay-Chat kennen gelernt und schnell begriffen, dass diese Menschen sind wie Du und ich.“ Und obwohl ich darauf gar nicht hinaus will, kommt er jetzt von allein an einen für ihn wichtigen Punkt: „Auch heute noch, im Jahr 2012, denken viele Menschen, das Internet sei so eine Art Parallelwelt. Es gibt auf der einen Seite die Menschen und auf der anderen Seite die Internet-Nutzer. Das ist natürlich überhaupt nicht so.“

Schwerverbrecher mit Kettensägen

Heiko erzählt von Freundschaften, die im Chat entstanden sind, internationale Freundschaften, er hat die Menschen dann getroffen. „Und ich denke, bei 90 Prozent der Menschen war die tatsächliche Person und deren Abbild, wie sich sie im Internet kennen gelernt habe, relativ deckungsgleich. Schwerverbrecher mit Kettensägen oder Frauen, die Männer sind und umgekehrt, das mag es auch geben, sind aber nicht der Regelfall. Es sind Menschen, die vielleicht eine etwas höhere Technikaffinität haben als der Normalbürger.“

Leben wie 1985

Hat ein Heiko „analoge“ Freunde? „Ja. Es gibt sehr gute Freunde, die leben das weniger als ich und teilen da auch weniger als ich. Die schotten sich ein bisschen mehr ab und leben halt so das Leben, wie man das 1985 gemacht hat, als es die Möglichkeiten noch nicht gab – und die vermissen auch nichts. Die sagen: ,Warum soll ich das teilen, wen interessiert das?’ Aber das sind total fantastische Menschen.“ Konflikte? „Gibt’s keine daraus.“

Das Internet passiert

Ich möchte heraus finden, ob Heiko je einen Crowd-Moment hatte, doch ich stelle die Frage wohl falsch oder denke in anderen Mustern, denn seine Antwort spielt einfach in einer anderen Liga als meine kleine digitale Welt: „Drei Viertel meiner Laufbahn und drei Viertel meines privaten Lebens wären ohne das Netz anders gewesen.“ Nach der Banklehre und einem Studium von internationalem Marketing und Management in Holland war eigentlich das Finanzwesen sein Ziel. „Was man sich als kleiner Junge aus Ostfriesland so ausgemalt hat. Und dann passierte das Internet und war von da ab Teil meines Lebens. Da ist ganz viel, wobei das Netz eine so große Bedeutung in meinem Leben hat, das ist Teil von mir und nicht mehr trennbar, das geht ineinander über, und zwar fließend.“

In die Ecke pinkeln

Das perfekte Stichwort für mich an dieser Stelle ist Privacy. Wie weit darf’s denn gehen bei ihm? „Das geht instinktiv, mal öffnet man sich mehr, mal weniger. Das Spannendste ist ja immer, was man nicht twittert. Und das sind die allermeisten Dinge am Tag. Mal ist es ein Sekundenbruchteil, ein Gedanke, eine wahllose Aktion, mal aber auch ganz bewusst, dieses virtuelle In-die-Ecke-Pinkeln. Schließlich geht es ja auch darum, sich zu definieren, sich abzugrenzen.“ Im nachhinein denke ich an mein Gespräch mit Paul Fritze, der über Heiko und Nico Lumma mit sichtlicher Bewunderung sagt: „Die sind so weit, die können Ihre eigene PR machen.“ Kontext war die Bekanntgabe der Jobwechsel der beiden, jeweils kommuniziert über die eigenen Kanäle, durch die eigene Reichweite.

Passieren-Lassen

Fühlt sich Heiko als öffentlicher Mensch? „Also, jetzt nicht im Boris-Becker-Sinne, aber irgendwie schon. Ich bin öffentlicher als viele andere, aber auch das ist einfach so passiert, das sucht man sich nicht aus. Da gehört auch Spaß dazu.“ Heiko ist sich der Währung Aufmerksamkeit wohl bewusst. „Ich habe nie provoziert, habe mir nie die Haare rot gefärbt – ohne jetzt irgend etwas gegen Sascha Lobo sagen zu wollen. Ich habe als Person nie die Öffentlichkeit gesucht, aber ich habe sie auch nicht vermieden.“ Da ist es wieder, Heikos Leitmotiv des Passieren-Lassens. Eine positive und bewusste, aber nicht verkrampften Lebensart. Nicht missverstehen: Planlos oder unreflektiert ist da nichts.

Twitter-Sucht

Wir streifen kurz sein Blog und die vielen Aktivitäten im Netz. „Twitter ist schuld am Ende des Blogs, ansonsten kannst Du alles zurück verfolgen bis 1999.“ Und noch weiter. Doch der Umzug nach München, der Mangel an Zeit, und „dann bin ich halt Twitter-süchtig geworden. Seitdem liegt das Blog da. Twitter passt einfach besser in mein Leben.“

Erlebnis Bambule

Heiko engagiert sich in der Initiative D64. Ist er ein politischer Mensch? „Ich bin nie einer Partei beigetreten, habe nie aktiv mitgemischt, mich aber immer interessiert.“ Das Leben im Karoviertel Anfang der 2000er Jahre in Hamburg zu Zeiten von Bambule haben ihn in direkte körperlich Berührung gebracht mit Überlegungen zum Thema Bürgerrechte und Transparenz. „Ich bin mal zufällig in einem Polizeikessel geraten, war noch nicht mal Teil der Demo. Da habe ich erlebt, dass Gewalt nicht nur von den Demonstranten ausgeht. Das hat man damals in den Medien nicht gelesen.“

Zünder Zensursula

Und Politik fürs Netz? „Wirkliche Netzpolitik hat es doch in Deutschland vor Zensursula nicht gegeben. Das war sicherlich für mich ein Initialmoment der jüngeren Geschichte. Diese bizarre Idee von Netzsperren, das war ein Moment, wo man lauter trommeln musste als man das bisher getan hat. Und das Thema Vorratsdatenspeicherung folgt nur diesem Muster.“

Zum Glück gibt’s Doro Bär

Und die Politiker, die jetzt Twitter entdecken, machen die ihm Hoffnung? „Es wird besser. Zum Glück gibt es in der CSU eine Doro Bär, und selbst ein Peter Altmeier öffnet sich den technischen Möglichkeiten. Schön, dass da was passiert.“ Der Erfolg der Piraten geht für Heiko auch zurück auf die netzpolitische Schwäche der Grünen. „Das hat denen klar in die Hände gespielt.“ Und noch ein politisches Thema streifen wir – die ewige Datenschutzdiskussion. Heiko gewinnt an Fahrt: „Da frage ich dann: Facebook – das ist euer Problem??? Was ist mit der GEZ und den Einwohnermeldeämtern? Da habe ich nicht die Wahl mitzumachen. Was mit Videotheken, die Personalausweise komplett kassieren? Facebook-User haben immerhin den Allgemeinen Geschäftsbedingungen zugestimmt.“

Multi-Tasker

Nebenbei leuchtet im gefühlten 30-Sekunden-Takt das Display seines iPads auf, das schräg aufgestellt gut lesbar in Sichtweite liegt. Heiko scannt mehrfach kurz den Eingang, spricht aber weiter, lässt Gedanken nicht abreißen. Ein Multi-Tasker. Ich thematisiere diese beeindruckende Fähigkeit und er zählt auf, was gerade so eingeht, unter anderem Instagram-Likes. Ich stelle fest, dass Heiko auf dieser Plattform spät dazu gestoßen ist. „Das Account hatte ich schon länger, aber mit Android geht da halt nichts.“ Und prompt legt er einen bemerkenswerten Weg dar, um ohne Apple-Gerät Bilder in dieser iPhone-App zu platzieren. Festhalten, bitte: „Ich mache das Foto, lade es auf Dropbox hoch, ziehe es auf dem iPad wieder hinunter, lade es dort in der iPhone-App hoch und dann ist es drin.“

Burning Man

Wir sprechen über eine Leidenschaft, die auch immer wieder in @heikos Tweets aufblitzt: Burning Man, eine besonderes Festival in der Wüste von Nevada, das er nun zwei Mal erlebt hat. „Viel von dieser Burning Man-Erfahrung ist auch, in einer anderen Welt zu sein. Da braucht man dann kein Internet oder Handy.“ Gibt’s das wirklich, einen Heiko offline, ganz bewusst? „Warum?“ fragt er zurück. Das Argument des Zeitfressers lässt er nicht gelten, den langen und intensiven Gedanken ohne die digitale Unterbrechung auch nicht.

The Black Swan

Die Zeit neigt sich langsam dem Ende zu, ich möchte noch schnell wissen, was uns 2012 so erwarten wird in der digitalen Welt. Heiko kontert mit einem Buchtipp: „Ich empfehle bei solchen Fragen immer das Buch The Black Swan. Meistens ist ja da der Brake-Out, wo wir es am wenigsten erwarten. Wer hätte denn vorausahnen können, dass Google so groß wird?“ Und da ist er wieder: „Die Dinge passieren einfach.“ Heiko ergänzt noch ein schönes Zitat: „Yossi Vardi sagt: ,Business-Pläne sind ein Subgenre von Science Fiction.’“

„Los, noch mal“

Heiko wird unruhig, die gute Stunde, die ich durch meine Verspätung noch verkürzt habe, neigt sich dem Ende zu. Ich mache noch schnell und konfus ein paar Fotos und schon stehen wir im Fahrstuhl und ich schieße einen echten Heiko-Klassiker: Foto im Lift-Spiegel, sein Profilbild bei Facebook. Wir schauen gleich nach. „Sogar super geworden.“ Kurze Zeit später, in der U-Bahn-Station Gänse-Markt, lässt mir der ambitionierte Digital-Fotograf mein Laissez-Faire-Herumgeknipse nicht mehr durchgehen. „Die Schärfe liegt auf ,Gänse’ und nicht auf meinem Gesicht. Los, noch mal.“

Heiko möchte gern mehr lesen über:

@DoroBaer

@becker_boris (Heiko: „Wie ist er zu Twitter gekommen? Er ist so lange in der Öffentlichkeit, hat viel erlebt und plötzlich ist er in meinem Twitter-Stream.“)

@tanith

Ohne diese Webseite möchte Heiko nicht leben:
Techmeme.com

Gespräch: 3. Dezember 2011

Fotos: Kathrin Koehler, Kerzen by Heiko Hebig.

 

Diese Portraits sind bereits erschienen:

ROMY MLINZK / @snoopsmaus

PAUL FRITZE / @paulfritze

 

 

 

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